Malih Ole Kaunga
„Kann eine Energiewende gerecht sein, die auf enteignetem indigenem Land entsteht? Was heißt Teilhabe in der Klimapolitik, und wer entscheidet darüber? Und wann kommen Entscheidungsgewalt und Geld bei denen an, die diese Ökosysteme längst bewahren?“
Mehr über Malih Ole Kaunga
Malih Ole Kaunga (geboren 1972 in Laikipia, Nordkenia) hütete als Kind das Vieh seiner Familie auf Maasai-Gemeinschaftsland, das die britische Kolonialherrschaft annektiert hatte. In Dürrezeiten musste die Familie ihre Tiere heimlich auf die riesigen Ranches treiben, um an Wasser und Weide zu kommen. Verhaftungen, beschlagnahmtes Vieh und Bestechungsgelder, um es wieder freizubekommen, waren Teil seiner Kindheit. Sein Vater weigerte sich zu gehen, und beim Sohn blieb etwas hängen: Das musste angefochten werden.
Zum Aktivisten machte ihn eine Verstümmelung. Als er etwa zwölf war, wurde sein neunjähriger Stiefbruder schwer verletzt und verlor einen Finger: Schuld war Munition, die die britische Armee auf Maasai-Weideland zurückgelassen hatte. Viele andere wurden bei ähnlichen Vorfällen verletzt oder sogar getötet. 1998 begann Malih Ole Kaunga, Zeugenaussagen und Unterschriften zu sammeln. Britische Anwälte spürten ihn nach Zeitungsberichten auf, und gemeinsam verklagten sie die britische Regierung vor dem High Court in London. Angesichts der überwältigenden Beweislage endete das Verfahren in einem Vergleich, in dessen Folge rund 2.400 Maasai und Samburu Entschädigungen für Verletzungen und getötete Angehörige erhielten.
Malih Ole Kaunga, der 1993 ein Studium in Wasserressourcenmanagement abgeschlossen hatte, sieht sich als „Organizer“. Ein Stipendium für eine Fortbildung in ländlicher Entwicklung brachte ihn 1995 nach Deutschland und mit Aktivisten aus Afrika und Asien zusammen. Noch im selben Jahr gründete er in Kenia die Organization for the Survival of Il-Laikipiak Maasai Indigenous Group Initiatives. OSILIGI mobilisierte die Maasai-Jugend und weitere Gemeinschaften vor Ort für Landrechte, Gerechtigkeitsfragen und Selbstbestimmung. Sie schulte Rechtshelfer:innen, Menschenrechtsbeobachter:innen, Aktivist:innen und Journalist:innen und brachte zusammen mit britischen Pro-bono-Anwälten Klagen gegen die britische Regierung auf den Weg.
Aus der Organisation wurde später IMPACT, heute eine führende Stimme für indigene Rechte und Selbstbestimmung in Kenia, Afrika und weltweit. Ihr Kipok Fund gibt Geld direkt in die Hände von Gemeinschaften vor Ort. Ob sie damit Dürren, Überschwemmungen oder andere Risiken angehen, entscheiden sie selbst, nicht die Geldgeber. Menschen sollen nicht entwickelt werden, sondern sich selbst entwickeln, sagt Malih Ole Kaunga. Man soll nicht über sie sprechen, sondern mit ihnen.
Als Richard von Weizsäcker Fellow fragt er, inwieweit ein gerechter Übergang alle Gruppen einbezieht und wer entscheidet, was Teilhabe bedeutet. In seiner Antwort liefert er nicht nur Kritik, sondern einen Lösungsansatz: Entscheidungsmacht und Mittel sollen bei den Gemeinschaften ankommen, die das Land seit jeher bewahren.
Lebenslauf
2025 Redner beim IUCN World Conservation Congress über von Indigenen geleitete Klima- und Biodiversitätsfinanzierung
2022 Koordination der Beteiligung indigener Völker beim African Protected Area Congress (IUCN)
2020 Gründung des Kipok Fund für die direkte Finanzierung von Gemeinschaften vor Ort
seit 2018 Gründer und Sprecher der Pastoralists Alliance for Resilience and Adaptation in Northern Kenya Rangelands (PARAN); Mitgründer des Maasai Cultural Heritage Centre; Berater von Nia Tero und Conservation International
2013 Start der Kamelkarawane entlang des Ewaso Ng’iro, eine kulturelle Plattform für Frieden und Wasser
2010 Infolge u. a. der Mobilisierungsarbeit von Malih Ole Kaunga erkennt Kenia historisches Landunrecht an
2004 Während einer schweren Dürre besetzen Gemeinschaften die umstrittenen Ranches; die Landklage scheitert, der Protest wird niedergeschlagen; er verlässt die Region für einige Zeit
2002–2004 Rund 2.400 Maasai und Samburu werden entschädigt; der Fall wird zum Auslöser für strategische Prozessführung in ganz Kenia
2002 Aus OSILIGI wird IMPACT (Indigenous Movement for Peace Advancement and Conflict Transformation); er wird Gründer und Geschäftsführer
2001 Einreichung der Klage am High Court in London (Anwalt: Martyn Day)
1998 Beginn der Kampagne gegen das britische Verteidigungsministerium wegen nicht explodierter Munition auf Maasai- und Samburu-Land
1995 Gründung von OSILIGI (Organization for the Survival of Il-Laikipiak Maasai Indigenous Group Initiatives)
1995 Stipendium der Bundesregierung für eine Fortbildung in ländlicher Entwicklung in Feldafing bei München; Begegnung mit Aktivist:innen aus Afrika und Asien
1993 Abschluss in Wasserressourcenmanagement; er lehnt eine Anstellung im Wasserministerium ab und kehrt in seine Gemeinschaft zurück
1984 Verletzung des neunjährigen Stiefbruders durch nicht explodierte Munition der britischen Armee nahe der einzigen Wasserstelle des Dorfes
1978-1989 Grund- und Sekundarschule
1972 Geboren in Laikipia, Nordkenia, in eine Hirtenfamilie der Laikipiak-Maasai; aufgewachsen überwiegend bei der Großmutter väterlicherseits
Malih Ole Kaungas Richard-von-Weizsäcker-Fellowship
Sich selbst entwickeln, statt entwickelt zu werden: Gemeinschaften ins Zentrum eines gerechten Übergangs
Als Richard von Weizsäcker Fellow untersucht Malih Ole Kaunga, wie inklusive und intersektionale Klimagerechtigkeitsbewegungen die Stimmen der Basis mit regionalen und globalen Entscheidungsprozessen verbinden können. Sein Ausgangspunkt ist unbequem. Sein Argument: Der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien wiederholt zu oft koloniale Muster, wenn Windparks, Geothermieanlagen und Projekte zur Reduzierung von Kohlenstoff erneut auf indigenem Land entstehen und indigene Gemeinschaften nur als Begünstigte statt als Rechteinhaber einbezogen sind und statt einer Gewinnbeteiligung „Corporate Social Responsibility“ bekommen.
Wie kann der Übergang wirklich gerecht gestaltet werden?
Statt Klimapolitik als technische Gestaltungsaufgabe zu behandeln, versteht Malih Ole Kaunga Land als einen Ort von Rechten, Zugehörigkeit und politischer Handlungsmacht. Er fragt, was Teilhabe wirklich bedeutet und wer sie definiert. Und er will verstehen, warum indigene Rechtsansprüche in Regierungen, in multilateralen Gremien und in den globalen Klimakonventionen immer wieder auf Widerstand stoßen. Wichtig ist ihm dabei, nicht nur zu kritisieren, sondern einen Mechanismus zu entwickeln, mit dem Mittel für Klima- und Naturschutz direkt an die Gemeinschaften vor Ort fließen. Wer diese Ökosysteme längst bewahrt, soll zum Teilhaber des Wandels werden und nicht zu seinem Hindernis.
Warum Deutschland?
Berlin verschafft Malih Ole Kaunga einen Raum, den er selten findet: Politik, Stiftungen, unternehmerische Klimainitiativen und Zivilgesellschaft finden sich an einem Ort. Er ist im Gespräch mit deutschen und europäischen Organisationen, die zu Kohlenstoffreduzierung und Naturschutz arbeiten. Seinen Handlungsansatz will er im Austausch mit den Institutionen erproben, die die Energiewende finanzieren und gestalten. Deutschland sei einer der größten Geber weltweit sowie eine starke Stimme in der EU und den Klimakonventionen, so Malih Ole Kaunga. Es sei Teil des Problems und zugleich ein Ort, an dem ein besseres Modell beginnen könnte. Er bringt drei Jahrzehnte Organisationsarbeit an der Basis und grenzüberschreitendes Eintreten für indigene Rechte in diesen Austausch ein. Beschließen will er ihn mit Verbündeten, nicht nur mit einem Publikum.